8 Gedanken und Erfahrungen zu Depression

Im Netz finden sich jede Menge Informationen zum Thema Depression. Ich möchte hier also nicht eine erneute Definition hinzufügen. Ganz sicher erheben meine Gedanken zum Thema auch keinen wissenschaftlichen Anspruch. Sie basieren auf eigenen Erfahrungen.

Das Niederdrücken

Schauen wir uns doch zunächst das Wort selbst an. Laut Brockhaus geht das Wort auf das lateinische depressio [das Niederdrücken] zurück. In aller Regel ist damit wohl die niedergedrückte Stimmung gemeint, die mit einer Depression einhergeht.

Ich interpretiere das Wort jedoch anders. Aus meiner Sicht ist die niedergedrückte Stimmung eine Folge von niedergedrückten Gefühlen. (Das gilt zumindest, wenn die Depression auf traumatisierende Erlebnisse zurück zu führen ist und nicht auf körperlichen Krankheitssymptomen beruht. Wobei aus schamanischer Sicht, diese Symptome ja auch wieder eine seelische Ursache hätten, doch das lasse ich jetzt mal außen vor.)

Glaube an Hoffnung! Depression und Schamanismus

Ich kann von mir jedenfalls sagen, dass ich meine wahrhaftigen Gefühle über viele Jahre niedergedrückt habe und sicher nicht spüren wollte. Die Folge davon war, dass ich letztlich gar nichts mehr fühlen konnte.

Ich habe mich gefühlt, wie in einer Blase und war absolut nicht in der Lage, irgendwie Kontakt zu anderen Menschen aufzunehmen, auch wenn ich mich angestrengt habe. Wie hätte das auch funktionieren können? Ich war ja gar nicht in Kontakt mit mir selbst.

Es ist nicht möglich, nur die “schönen” Gefühle wahrzunehmen und die unangenehmen Gefühle auszublenden. Wenn wir uns entscheiden, die negativen Gefühle nicht mehr fühlen zu wollen, entscheiden wir uns gegen das Leben selbst. Immer wieder kommen Klientinnen zu mir, die mir von Leere berichten und sagen, dass sie nichts mehr fühlen.

Wenn wir uns nicht auf Traurigkeit, Wut, ja, sogar Hass einlassen, dann erfahren wir ganz sicher auch keine Freude, keine Sinnlichkeit oder Liebe. Wenn wir unseren Selbsthass nicht wahrnehmen können, dann können wir nie stolz auf uns sein. Wenn wir unsere Schuldgefühle nicht mehr fühlen wollen, können wir nie echte Freiheit spüren usw.

Gründe für das Niederdrücken von Gefühlen

Selbstverständlich gibt es gute Gründe, warum wir unsere Gefühle niederdrücken und nicht wahrnehmen wollen. Traumatisierende Erfahrungen, die in uns großen Schaden anrichten können, sind häufige Gründe.

Oft genug geschehen sie in der Kindheit. Ein Kind ist einer traumatisierenden Situation und seinen Gefühlen vollkommen hilflos ausgeliefert. Es besitzt noch nicht die kognitiven Fähigkeiten, auf eine Weise mit beidem umzugehen, dass es sich schützen kann.

Mit traumatisierender Situation meine ich nicht nur einen einmaligen Akt, wie z.B. einen Unfall oder vielleicht auch einen Überfall. Es kann sich hierbei auch um eine andauernde Lebenssituation handeln, in der das Kind immer wieder vergiftende Gefühlsinformationen bekommt.

Damit es überleben kann, spaltet es einen Teil von sich ab, drückt seine Gefühle nieder ins Unterbewusstsein. Das kann sogar soweit gehen, dass sich dieser Mensch als Erwachsener weder an die Gefühle noch überhaupt an die Situationen erinnern kann. Diese Gefühle machen uns solche Angst, dass wir es auch als Erwachsene schwer haben, überhaupt an sie heran zu kommen.

Woher wir kommen

Doch es gibt noch mehr Gründe. Unsere Eltern und Großeltern können depressiv machende Strukturen verinnerlicht haben und an uns weiter geben, obwohl sie uns lieben und nur das Beste für uns wollen. Wenn wir uns mal anschauen, woher wir kommen, dann erscheint es mir äußerst logisch. Autoritäre Strukturen, die noch vor einem knappen Jahrhundert bis in den Nationalsozialismus führten, waren an der Tagesordnung.

Das Leben an sich war noch kein wirklicher Wert, anders als heute zumindest hier in Deutschland und unseren Nachbarstaaten. Familie war oft eine wirtschaftliche Notwendigkeit und nicht ein auf Liebe und Freude beruhendes, freiwillig gehegtes Band. In den letzten Jahrhunderten gab es Lebensumstände, die oft zu traumatisierenden Situationen führten. Entsprechende Verhaltensmuster haben die Männer und Frauen unserer Familien entwickelt und weiter gegeben.

Versingelung der Gesellschaft

In der heutigen Zeit gibt es mehr Singlehaushalte denn je. Üblicherweise wird das als negativ beschrieben, weil die Menschen einsam seien. Ich denke, das stimmt nur zum Teil. Natürlich sind wir soziale Wesen und in einer Gruppe von Menschen zu leben, die einander wirklich lieben, ist himmlisch.

Aus meiner Sicht ist die Versingelung der Gesellschaft ein notwendiger Entwicklungsschritt um aus den Verstrickungen der alten Familienstrukturen heraus zu kommen. Wir räumen innen auf, lernen uns als Individuen kennen und hoffentlich lieben.

Als starke Menschen können wir neue Gemeinschaften gründen. Die können kunterbunt aussehen. Es müssen nicht immer Familien sein. Es können auch z.B. Mehrgenerationengemeinschaften oder ökologische Gemeinschaften oder … sein.

Also alte, erlernte Verhaltensmuster, die wir von unseren wohlmeinenden Eltern und Großeltern gelernt haben, können ebenfalls zum Niederdrücken von Gefühlen führen. Männer z.B. sind noch immer oft auf Leistung “getrimmt”. Das war früher oft genug auch wirklich wichtig, um das Überleben der Familie zu sichern.

Frauen haben noch immer Selbstwertprobleme, glauben, dass sie nicht rational denken können oder betonen umgekehrt das Rationale, um sich in der immer noch sehr maskulin strukturierten Wirtschaft behaupten zu können. Auch, wenn diese Strukturen inzwischen weicher werden.

Die beiden historischen Generalbegründungen: “Das machen wir schon immer so” und “Das haben wir noch nie so gemacht”

Wir wollen dazu gehören und stellen unsere eigenen Wahrnehmungen und Gefühle unter diejenigen, von denen wir glauben, die Gemeinschaft verlange sie von uns, weil “wir das schon immer so machen” oder eben “noch nie so gemacht haben”.

Ungefähr ab Minute 39 des Films “From Business to being” (der Trailer liegt auf Dailymotion) spricht Rudolf Wötzel, ein ehemaliger Investmentbanker, genau über dieses Phänomen. Er erzählt von seiner Angst, nicht mehr zu funktionieren, nicht mehr so viel Geld zu verdienen und wie diese mit seinen Großeltern zusammenhängt. Doch sein Burnout hat ihm offensichtlich genug Leidensdruck gebracht, dass er etwas geändert hat.

Apropos verändern …

Veränderung braucht Mut. Veränderung ist unbequem. Wollen wir raus aus der Depression, hinein in ein Leben mit BeGEISTERung, müssen wir anfangen, wieder zu fühlen. Wenn es um die Korrektur alter Verhaltensmuster und Überzeugungen geht, die wir von unseren Vorfahren übernommen haben, ist es nach meiner Erfahrung ein wenig leichter.

Natürlich tut auch das Eingeständnis weh, “falsch” gelebt zu haben und sich selbst gar nicht wirklich zu kennen. Schon dieser Weg braucht viel Aufmerksamkeit und Geduld, ist ein Hin- und Herschwingen zwischen Gefühlen und Gedanken. Und es bedarf der Anstrengung, das Leben neu zu gestalten, neue Fähigkeiten zu erwerben, neue Wege zu gehen.

Geht es jedoch um das Zulassen alten Schmerzes, den wir möglicherweise über Jahrzehnte hinweg sehr geschickt und tief vergraben und vor unserer bewussten Wahrnehmung versteckt haben, dann braucht es meistens Begleitung bei diesem Prozess.

Es können Gefühle auftauchen, die überwältigend sein können, die uns wieder in die Angst versetzen, die wir damals verspürt haben. Wir müssen lernen, mit dieser Trauer, dem Schmerz und auch mit Gefühlen wie Wut und Hass umzugehen.

Und wir brauchen vielleicht jemanden, der oder die einfach nur da ist, uns auffangen kann. Vielleicht müssen wir unseren Körper ganz langsam wieder an Berührung durch jemanden anderen gewöhnen, neues Vertrauen lernen.

Das geht sicher nur Schrittchen für Schrittchen. Es mag sich auch mal nach Rückschritten oder Stillstand anfühlen. Doch nach meiner eigenen Erfahrung lohnt es sich, diesen schmerzhaften und sehr anstrengenden Weg zu nehmen und durch diese Gefühle hindurchzugehen. Wenn du dich auf den Weg ins Fühlen machen möchtest, dann empfehle ich dir sehr die Lektüre des Buches “Die revolutionäre Kraft des Fühlens” von Maria Sanchez!

Um die Erinnerungen an unsere Gefühle niederzudrücken, brauchen wir sehr viel Energie. Die steht uns nicht zur Verfügung für unser normales Leben. Daraus können nicht “nur” seelische, sondern auch physische Krankheiten entstehen. Lassen wir unsere Gefühle wieder frei, können gewaltige Mengen an Energie freigesetzt werden. Und auch der Umgang damit will gelernt werden.

Schamanismus & Psychotherapie, wenn du in einer Depression gefangen bist

Ich halte es für wichtig, dass sich ein Mensch, der an einer schweren Depression leidet, in eine Psychotherapie begibt. Dabei sollte es nicht darum gehen, möglichst schnell wieder arbeitsfähig zu sein, sondern es sollte wirklich um tiefe innere Heilung gehen. Du kannst erst glücklich sein, wenn du dich bis in die Tiefe hinein kennst, verstehst, dich um dich kümmern kannst und spürst, wer du eigentlich bist und vor allem sein willst.

Schamanismus ist dafür eine wunderbare Ergänzung und zwar aus zwei Gründen:

  1. Manche Seelenverknotungen liegen so tief, dass über die Sprache und den Intellekt kein Zugang möglich ist. Ein spiritueller Ansatz hat andere Möglichkeiten und kann dadurch tiefer gehen.
    Martin Baierl, ein Psychologischer Psychotherapeut und Heiler in schamanischer Energiemedizin hat hier einen großartigen Text zum Thema “Psychische Störungen aus schamanischer Sicht – Von Seelenwegen und Psychotherapie” geschrieben. Das ist ein Text (PDF), der sowohl die Gemeinsamkeiten als auch die Unterschiede zwischen Psychologie und Schamanismus toll beschreibt.
  2. Wenn in einer Therapie ein Seelenknoten über das Gespräch oder andere Möglichkeiten aufgefunden wird, kann auf schamanischem Weg der Knoten aufgelöst werden, indem z.B. Seelenverträge gelöst, Seelenanteile wieder zurück geholt werden und so weiter.

Genauso ist aber auch die Psychotherapie eine wunderbare Ergänzung zur schamanischen Arbeit. Denn wenn ein Seelenanteil zurück kommt, bringt er nicht nur neue Energie, sondern u.U. alte Erinnerungen und Gefühle mit. Diese Energien, Erinnerungen und Gefühle müssen integriert und ggf. auch nochmal therapeutisch bearbeitet werden. Was wir als Kinder nicht konnten, nämlich einen angemessenen und für uns guten Umgang mit unseren Gefühlen zu finden, können wir als Erwachsene. Auch, wenn wir dafür vielleicht Anleitung benötigen.

Wenn du dich auf den Weg machst

Wie ich schon geschrieben habe, wird dein Weg nicht gleichförmig immer nur aufwärts gehen. Er wird sich vielmehr nach verschlungenen Pfaden, Niemandsland, Achterbahn, Stillstand, Rückschritt, Raketenstart und irgendwann vielleicht nach einer wunderschönen Landstraße anfühlen. Wichtig ist vor allem deine Entscheidung! Entscheide dich, immer weiter zu gehen. Mach Pausen und dann gehe wieder weiter. Jede kleine Hürde, die du nimmst, bringt dich weiter in die Seelengefilde, in die du dich hineinbewegen möchtest.

Es wird anstrengend werden. Etwas anderes kann ich dir dazu leider nicht sagen. Diese Art von Seelenarbeit ist Schwerstarbeit. Sei also bitte geduldig mit dir selbst.

Erlaube dir, einfach nur platt und müde zu sein. Wenn du antriebslos bist, dann bist du es eben so lange, bis du innerlich wieder bereit bist, mehr nach Außen zu gehen.

Wenn du schlafen musst, dann schlafe. Ich kann mich erinnern, dass ich sehr viel geschlafen habe. Das war zum einen tatsächlich Erholung von der Tristesse, die ich damals gespürt habe, zum anderen war es aber auch Seelenarbeit. Ich habe viel Zeit in einer Art Halbschlaf verbracht, in der ich sehr guten Zugang zu meinem Unterbewusstsein und auch zu der geistigen Welt hatte. Das hat mir geholfen, meinen Gefühlen und meinen nicht hilfreichen Überzeugungen auf die Spur zu kommen.

Nimm dir also die Zeit, die du brauchst. Wenn du Kinder hast, ist das natürlich schwierig. Finde einen Weg, dass sie gut versorgt sind und du kein schlechtes Gefühl wegen ihnen haben musst. Wenn du irgendwann glücklich bist, wirst du sehr viel besser für sie sorgen können!

Ich glaube, dass diese Arbeit letztendlich von fast allen Menschen gemacht werden muss. Das können wir als Gesellschaft nur staffelweise. Stell’ dir mal vor, wir würden uns alle gleichzeitig auf die Couch legen und “out-of-order” sein.

Es muss Menschen geben, die sich darum kümmern, dass wir essen und wohnen können. Das hast du vorher auch für andere Menschen getan und wenn du durch deinen Sumpf gegangen, deiner eigenen Hölle entkommen sein wirst, kannst du später auf deine ganz eigene Art anderen Menschen helfen, ihren Weg zu finden.

Alles, was du für dich in dieser Zeit tust, tust du immer auch für alle anderen. Nicht nur weil du später helfen kannst, sondern auch, weil du mit deiner geheilten Seele, mit deiner neuen Energie die Energie des Kollektivs veränderst. Jede und jeder, die bzw. der sich nach dir auf den Weg macht, wird es leichter haben, weil diese kollektive Energie wieder ein Stückchen stärker geworden sein wird.

Ich wünsche dir alles erdenklich Gute auf deinem Weg. Mögest du die richtigen Menschen treffen, die dich auf deinem Weg begleiten können!

Herzlich
Tanja Richter